Clio (Fragment und wip)


Als erstes spürte Anna das Gras unter sich.
Es war feucht. Es war kalt.
Sie öffnete die Augen. Wunderte sich.

Der Himmel in dieser Welt war viel klarer als der Himmel über Berlin. Viel weiter.
Kein Grau, kein Staub, kein Smog.
Nur: Blau.
Ein echtes Blau.

Dann kam der Schmerz. Kam die Erinnerung.
An Luisa.
Nicht mehr da.

Anna schloss die Augen.
Atmete.
Die Luft hier war anders.
Reiner. Ruhiger.
Unschuldiger.

Noch.



Kapitel: Sichtkontakt

Er sah sie zuerst aus der Entfernung.
Etwa hundert Meter südlich, jenseits des Grenzpfades, wo das Gras höher stand als eigentlich erlaubt.
Ein einzelner Punkt im Feld. Bewegungslos.

Sergeant Kade hob das Fernglas.
Schärfte den Fokus.
Fand: eine Frau.
Liegend. Nicht bewusstlos.
Sie blinzelte.

„Kommando, hier Patrouille West. Sichtkontakt mit Zivilistin. Position: 17-A-Lima. Allein. Keine Uniform, keine Ausrüstung. Ich nähere mich.“
Ein Knacken im Ohr. Dann die Bestätigung.

Er hielt die Waffe im Anschlag, aber entsichert.
Er ging zügig, aber nicht stürmisch.

Als er bei ihr ankam, hatte sie sich bereits aufgesetzt.
Die Hände offen auf dem Boden. Kein Versuch zu fliehen. Kein Anzeichen von Panik.

Sie sah ihn an.
Ein klarer Blick aus blauen Augen. Oder waren sie grün?

„Wer sind Sie?“, fragte er.
Kein Schrei. Kein Befehl. Nur Dienst.

Sie antwortete nicht sofort.
Blickte über seine Schulter nach oben.
Der Himmel zuckte. Ein Zittern, das nur sie spürte. Als würde sich der Himmel an sie erinnern.

Sie überlegte.
Sie war Anna gewesen. Aber Anna war vergangen.
Also sagte sie: „Clio.“

Kade notierte innerlich: keine vollständige Identifikation.
Fragte: „Clio. Und wie weiter?“

„Ich… weiß es gerade nicht.“

„Sie befinden sich in einer geschützten Zone.
Es ist verboten, sich ohne Genehmigung hier aufzuhalten.
Haben Sie eine Transiterlaubnis?“

Clio schüttelte den Kopf.
„Ich bin einfach… aufgewacht.“

Kade runzelte die Stirn.
Er kannte Flüchtlinge. Versprengte. Irrläufer.
Aber sie war anders. Keine Verletzungen. Keine Dreckspuren.

Ihre Kleidung war städtisch – fremd städtisch. Nicht aus seinem Katalog.
Ein Schnitt, wie man ihn vor zwanzig, dreißig Jahren getragen haben mochte.
Oder in Filmen.

„Was ist das für ein Ort?“, fragte sie plötzlich.

Er zögerte. Dann:
„Sektor 7. Zone Blau. Westliche Schutzgrenze.“

Die Frau nickte langsam. Sah sich um.
Als würde sie sich erinnern. Oder um zu überprüfen, ob sie sich erinnern sollte.

„Und… das hier ist Ihre Welt?“
Ihre Stimme war leise. Fast bewundernd.

Kade sagte nichts.
Er tippte eine Abfolge in das Terminal an seinem Handschuh.
Ortung. Registrierung. Keine Übereinstimmung.

„Ich bringe Sie in Quarantäne. Zu Ihrer eigenen Sicherheit.“
Er streckte seine Hand aus.

„Gibt es hier Kaffee?“ Fragte sie.
In ihrer linken Hand erschien eine Tasse. Weiß. Darauf ein Mädchen, das einen Ballon losließ.
Mit der rechten Hand griff die Frau nach Kades Hand und zog sich an ihr auf die Beine.

Kade musterte sie erneut.
Die Frau stand jetzt aufrecht neben ihm.
Erst jetzt sah er sie richtig.
Barfuß, mit einer Tasse in der Hand, als wäre das hier ein Morgen wie jeder andere.
Ihr schwarzes Kleid war atemberaubend. Ihre ganze Erscheinung war atemberaubend.

Er blinzelte. Zweimal.
Die Wärme ihrer Finger auf seiner Hand war bereits verschwunden.
Nur das Bild der Tasse blieb: weißes Porzellan, ein Mädchen, das einen Ballon losließ.
Ein Kinderbild.
Kein Kriegsbild.

Er riss sich los.
„Da vorn ist der Transporter.“
Er deutete mit dem Kopf auf den mattgrauen Truck, der ein Stück entfernt am Rand des Pfads stand. „Ich bringe Sie zur Basis. Untersuchung. Registrierung.“

Sie nickte.
Schien nichts dagegen zu haben.
Ihre Schritte waren lautlos im Gras.

Er öffnete die Beifahrertür.
Sie zögerte kurz – nicht aus Misstrauen.
Mehr, als würde sie sich daran erinnern müssen, wie man einsteigt.

Dann saß sie neben ihm. Die Tasse hielt sie fest an sich gedrückt.

Kade startete den Motor.
Die Räder knirschten über den trockenen Boden.

Nach ein paar Minuten Fahrt war er es, der sprach.
„Kommen Sie aus einer der umkämpften Zonen?“

Sie drehte den Kopf zu ihm.
Blinzelte verständnislos.
„Zonen?“

Er sah sie kurz an. Suchte nach Anzeichen von Täuschung.
Fand: nichts.

„Südgrenze. Rote Linien. Oder Ostabschnitt. Vielleicht der zerfallene Norden?“
Er zählte sie auf wie ein Mechanismus.
Wie jemand, der seine Welt abklopft.

Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Ich kenne diese Orte nicht.
Sie sind: irrelevant.“

Hatte sie bei den letzten Worten gekichert?
Kade fuhr weiter.
Sagte nichts mehr.
Aber er war wachsam.
Auf eine neue Art.

Sergeant Magnus Kade sah stur auf die Straße.
Das Lenkrad fest in den Händen.
Sein Blick klebte an der Fahrbahn.

Neben ihm: Stille.
Aber keine, die beruhigte.

Dann kam die Stimme.
Weich.
Nicht bedrohlich – und doch falsch in dieser Welt. Hatte sie ein Echo?

„Was stimmt nicht mit dieser Welt?“

Kade blinzelte.
Tat, als hätte er nichts gehört.

„Warum sollt ihr alle gehen?“

Er verstand die Frage nicht.
Oder weigerte sich, sie zu verstehen.
Etwas in seinem Inneren fror ein.

Sein Griff um das Lenkrad wurde fester.
Die Knöchel traten weiß hervor.

Er fuhr stumm weiter.
Geradeaus. Alles wie immer. Nur das Atmen fiel schwer.

Dann wieder die Stimme der Frau:
„Warum, Magnus?“

Sie hatte seinen Namen gesagt.
Er hatte ihn ihr nicht genannt.
Sein Blick zuckte zu ihr – nur ganz kurz.

Sie lächelte nicht.

Dann die letzte Frage.
Nicht laut.
Aber endgültig:

„Warum soll ich euch alle aus dieser Welt entfernen?“

Die Straße war noch da.
Der Truck bewegte sich.
Aber irgendetwas hatte aufgehört.
Und Kade wusste nicht, was.

Er lenkte den Transporter abrupt nach rechts. Schotter spritzte. Die Bremsen heulten auf.

Als der Wagen endlich stand, riss er seine Pistole aus dem Holster. Richtete sie auf die Frau neben sich.

„Was zum Teufel bist du?“

Sie wandte ihm den Kopf zu. Lächelte.
Mit dieser Tasse in der Hand.

Sie sah ihn an. Beinah belustigt.
Als wüsste sie schon, wie das hier enden würde.

Er blickte in ihre Augen.
Sie waren nicht blau. Nicht grün. Nicht braun.
Sie waren: farblos.

Langsam schüttelte sie den Kopf.

Kade hielt die Waffe weiter auf sie gerichtet.
Den Finger am Abzug.
Schweiß rann ihm über die Schläfen.
Er sagte nichts mehr. Dachte nur: Tu irgendwas.

Sie seufzte leise.
Dann bewegte sie sich.

Kein Ruck. Kein Trick.
Nur: ein kurzer Moment, in dem alles viel zu schnell ging.
Die Welt. Die Luft.

Als er wieder sehen konnte, war es vorbei.

Die Waffe befand sich nicht mehr in seiner Hand.

Ihre Einzelteile lagen verstreut im Fußraum – präzise auseinandergebaut.
Ein Griff, ein Lauf, eine Feder, ein Magazin.

Sie saß noch immer neben ihm.
Ihre nackten Zehen ruhten inmitten der Einzelteile der Pistole.
Die Tasse hielt sie in ihrem Schoß.

Die Frau sah ihn an und zwinkerte.

Ganz leicht.
Nicht höhnisch.
Eher wie jemand, der einem Kind ein scharfes Messer aus der Hand genommen hat.
Und dabei versucht, es nicht zu beschämen.

„Was war das?“, flüsterte er.

Er atmete flach. Kurze Stöße. Wie ein Tier in der Falle.

Sie antwortete nicht. Schwieg lange.

Dann, ganz ruhig –
wiederholte sie ihre Frage:

„Was stimmt nicht mit dieser Welt?“

Kade sah sie an.
Ohne die Waffe zitterten seine Hände. Er merkte es erst jetzt.

„Was stimmt nicht mit dieser Welt?“

Die Frage lag noch im Raum.
Er verstand sie nicht.
Nicht wirklich.
Aber sie traf etwas in ihm, das lange nicht berührt worden war.

Er sah auf den Schaltknüppel.
Auf den Schmutz am Fenster.
Auf ihre Zehen auf dem Metall seiner Pistole.

Dann schloss er die Augen.
Nur für einen Moment.
Sammelte sich.

„Das ist die falsche Frage“, sagte er leise.

Clio sagte nichts.

„Der Krieg war schon da, bevor ich geboren wurde.
Ich hab nie etwas anderes gesehen.“
Seine Stimme war rau.
Nicht trotzig.
Erklärend.

„Ich weiß nicht, wie es vorher war.
Ich weiß nicht, wie es anders sein soll.
Aber ich weiß, wie man überlebt.
Ich weiß, wie man Menschen sterben sieht,
ohne verrückt zu werden.“

Clio nickte kaum sichtbar.
Nicht zustimmend.
Mehr: registrierend.

Kade sah sie an.
Zum ersten Mal wirklich.
Nicht als Fremde.
Nicht als Bedrohung.
Sondern als Wesen, das eine Antwort forderte.

„Sag du es mir“, flüsterte er.

„Was… was ist eigentlich Frieden? Bringst du den Frieden?“

Es war keine Strategie.
Kein Trick.
Nur: Fragen eines Mannes,
der zu spät gemerkt hatte,
dass er in einem Käfig gelebt hatte –
und ihn selbst bewacht hatte.

Die Frau – Clio – sah ihn durchdringend an.
Lachte tonlos. Schüttelte sacht den Kopf.

„Ich? Ich bringe keinen Frieden.
Aber nach mir wird nur noch Frieden sein.“

Sergeant Magnus Kade schluckte. Er sah durch die Windschutzscheibe in die Ferne. Fühlte, wie etwas in ihm aufstieg.

„Ich habe ein Kind.
Ein kleiner Junge. Er heißt Mika. Er ist gerade drei geworden.
Ich habe auch eine Frau. Hannah.
Ich liebe die beiden.
Mehr als mein Leben. Mehr als mein Augenlicht. Mehr als alles andere.“

Er wagte es, die Frau neben sich anzusehen.
„Du sagst, dass du die Menschen aus der Welt entfernst.“

Tränen traten in seine Augen.
„Entferne mich wenn du musst. Aber bitte nicht die beiden. Das darfst du nicht. Ich flehe dich an.“

Sie sagte nichts.
Sah ihn an – nicht als Richterin.
Sondern als Teil einer Regel, die nicht mehr zu ändern ist.

Die Frau legte ihre Hand auf seine und er sah, wie sich ihre Augen veränderten.

Clio sah einen kleinen Jungen mit einem Holzlaster spielen.
Ein Reifen fehlte. Er lachte trotzdem.

Sie sah die Frau. Eine hübsche Frau.
Derb aber liebenswert. Eine, die wie ihr Mann nur das Leben im Krieg kannte. Ihre Hände waren rau, vom Waschen.
Eine kleine Narbe am linken Daumen. Schnitt vom Küchenmesser.

„Ich entscheide nicht.“ sagte sie schließlich. Eine tiefe Traurigkeit lag in der seltsamen Stimme.

Magnus sah, wie sich die Züge im Gesicht der Frau verhärteten.
Sie schien sich an etwas – oder jemanden – zu erinnern.

„Manchmal… bleibt etwas übrig.“ sagte sie. Tonlos.
„Nicht weil es gerettet wird. Sondern weil es noch gebraucht wird.“

Ihre Tasse fiel auf den ungepolsterten Boden des Transporters.

Zerbrach. Die Scherben mischten sich mit den Einzelteilen der Pistole.

Die Frau zog am Griff der Tür und öffnete sie. Magnus hinderte sie nicht daran auszusteigen, wie es seine Aufgabe gewesen wäre.

„Bitte.“ sagte er. Nichtmal ein Flüstern.

Clio drehte sich noch einmal zu ihm um.

„Es tut nicht weh.“

Sie lächelte. Völlig anders als sie gelächelt hatte, nachdem er die Pistole auf sie gerichtet hatte.
Es war das letzte, was er sah

bevor er begann, sich lautlos aufzulösen.

Clio ließ den Truck von Sergeant Kade hinter sich.
In der Hand: eine Tasse. Weiß, rot, schwarz.
Das Mädchen mit dem Ballon.

Sie folgte der Straße. Spürte, wie der Himmel hinter ihr sich langsam senkte.
Sah, wie die Vögel verschwanden. Ganze Schwärme. Kein Kreischen. Kein Flattern.
Von einem Lidschlag zum nächsten: nicht mehr da.

Sie kannte ihr Ziel.
Die Basis, von der der Soldat gesprochen hatte.
Dort musste es einen kleinen Jungen geben, der keinen Vater mehr hatte.

Die Straße war leer.
Der Himmel hinter ihr: still.
Still und schwer.

Im Wind lag ein einst vertrauter Duft.
Seife. Und Kaffee.
So vertraut, dass sie stehen blieb.

Sie schloss die Augen.
Für einen Moment war da etwas –
ein helles Lachen, das durch sie hindurchflog.
Wie Licht durch Wasser.

Clio hob die Hand, berührte ihre Wange.
Sie war feucht.
Aber sie hatte nicht geweint.

Vielleicht war es der Wind gewesen.
Oder Luisa.
Oder etwas dazwischen.
Etwas, das blieb, während alles andere verging.

Clio ging weiter.

In der Ferne sah sie die Umrisse der Basis.

Der Himmel war klar.
Zu klar.

Wachtposten Elias Jaron saß im Turm 2.


Er war dienstälter als viele andere.
Hatte unzählige Dinge gesehen, für die es keine Formulare gab.

Und doch war da jetzt etwas, das er nicht verstand.

Elias drehte das Rad am Zoom seines Zielfernrohrs.
Eine Frau kam näher. Schwarzes Kleid. Barfuß.
Sie ging langsam, aber zielgerichtet – direkt auf die Basis zu.
Keine Waffe. Keine Kennung. Keine Ausrüstung.
Fast keine. Irgendetwas hielt sie in der Hand.

Etwas Weißes. Porzellan?

Und hinter ihr veränderte sich der Himmel.

Nicht wie Wetter.
Nicht wie eine Front oder ein Sturm.
Er sank. Ganz real. Zentimeter für Zentimeter.
Wie eine zweite, tiefere Decke über der Welt.
Das Licht wurde anders – nicht dunkler, nur… falsch.
Als hätte jemand einen zweiten Himmel davorgeschoben.

Die Schatten auf dem Boden begannen zu flimmern.
Ganz leicht erst, dann stärker.
Wie bei großer Hitze – nur war die Luft kühl.

Plötzlich hörte er keine Vögel mehr.
Gerade noch hatte ein Schwarm Möwen über dem Feld gekreist.
Jetzt: nichts.
Kein Kreischen, kein Flattern.
Sie waren verschwunden.
Nicht fortgeflogen – einfach: weg.
Wie gelöscht.

Elias schluckte.
„Turm zwei an Basis. Sichtkontakt mit möglichem Eindringling.
Könnt ihr das Bild bestätigen?“
Knacken im Funk.
Dann: Stille.

Er tippte an sein Headset. Noch einmal.
„Turm zwei, hört mich jemand?“
Wieder nur Rauschen. Dann gar nichts mehr.

Er richtete das Zielfernrohr neu aus.
Die Frau war etwas näher gekommen. Er sah ihr Gesicht. Viel zu klar für diese Entfernung.

Aber kein Fadenkreuz blieb auf ihr liegen.
Er schaltete die Automatik aus. Versuchte es per Hand. Vergeblich.
Der Fokus sprang weg, jedes Mal.
Als würde die Optik sich weigern, sie zu sehen.

Elias‘ Finger zitterte am Abzug.

Als er das letzte Mal durch das Zielfernrohr sah, erstarrte er.

Ihre Augen waren viel zu nah, viel zu klar.
Blau. Und grün. Und braun. Und grau.
Alle Farben zugleich – und keine davon.

Dann lächelte die Frau ihn traurig an.

Kapitel: Das Tor

Vor ihr: das Haupttor

Die Mauern ragten vor ihr auf – fest, funktional, voller Wut, voller Angst.
Stacheldraht, Beton, Bewegungssensoren.

Der Himmel hinter ihr: tiefer gesunken.
Er berührte fast schon die Welt.

Dann öffnete sich das Tor.

Nicht langsam.
Ruckartig. Aufbrüllende Hydraulik.

Ein Dutzend Soldaten stürmte heraus.
Rufe. Befehle. Durcheinander.

Waffen im Anschlag.

Sie wirkten gefährlich. Für Menschenaugen.
Für Menschenherzen.

Clio blieb stehen.

Sie stellte die Tasse ab. Sorgfältig.
Weiß. Ein Mädchen mit einem Ballon.


Dann richtete sie sich auf.
Barfuß. Schwarz gekleidet. Der Kopf leicht geneigt.

Ein Windzug ging durch die Reihen der Soldaten.
Unruhig. Unerklärlich.

Einer der Männer schrie sie an:
„Nicht bewegen! Auf den Boden! Jetzt!“

Clio sah ihn an.
Nicht feindlich. Nicht verächtlich.
Nur: leer.

Ein anderer trat vor, die Waffe auf Kopfhöhe.
„Letzte Warnung!“

Clio antwortete nicht.
Sie lächelte nicht.

Sie ging einen Schritt weiter.

Zwölf Finger an zwölf Abzügen.
Aber niemand schoss.

Die Luft flackerte.
Wie unter Wasser.

Einige Soldaten begannen zu zittern.
Einer sackte in sich zusammen – lautlos.
Ein anderer stolperte rückwärts, als hätte ihn etwas Unsichtbares berührt.

Einer weinte.
Ohne es zu merken.

Und dann sagte sie es.
Nicht laut.
Aber jeder hörte es:

„Irrelevant.“

Die Waffen senkten sich.
Nicht freiwillig.
Wie unter einer Schwerkraft, die nicht dieser Welt gehörte.

Clio griff nach der Tasse.
Ging weiter.
An ihnen vorbei.
Durch das Tor.

Sie wusste, wo sie hin musste.

Mika.

Hinter dem Tor lag ein Platz aus Beton.
Zweckmäßig, offen.
Leer.
Nur nicht heute.

Der Kommandant stand dort.
Mit einer Eskorte aus sechs Bewaffneten.
Stahl in den Augen.
Stahl vor der Brust.
Keine Worte. Keine Befehle.
Er wartete.

Clio trat ein.
Ihre Schritte hinterließen keine Spuren.
Die Tasse: unversehrt in ihrer Hand.
Ein Kind mit einem Ballon.

Der Kommandant machte einen halben Schritt vor.
Er war kein Narr.
Er hatte gehört – oder nicht gehört – was mit seinem Außenposten passiert war.
Kade war ein guter Mann gewesen.

Hatte gesehen, was mit seinen Männern vor dem Tor geschehen war.
Mit dem Himmel.

„Wer sind Sie?“ fragte er.
Korrigierte sich.
„Was sind Sie?“

Clio sah ihn an. Direkt.
Keine Feindseligkeit. Keine Furcht.
Sie stellte keine Gegenfrage.

„Ich suche ein Kind.“
Der Kommandant sagte nichts.

„Ein kleiner Junge. Drei Jahre alt.
Sein Name ist Mika.“

Jetzt reagierte er. Ein Zucken. Fast nicht sichtbar.
„Warum?“

„Weil er noch gebraucht wird.“
Das Echo dieser Worte zog über den Betonplatz wie Wind.

Der Kommandant war kein gläubiger Mensch.
Nicht mehr.
Aber in diesem Moment fühlte er sich wie jemand,
der Zeuge einer Geschichte wird,
in der er selbst keine Rolle spielt.

Er nickte einem seiner Leute zu.

Ein Funkgerät wurde gehoben.
Ein Ruf abgesetzt.

Clio wartete.

Der Himmel hinter ihr: schwer.
Die Luft: flackernd.
Die Welt: still.

Der Kommandant trat einen Schritt zur Seite.
Nicht aus Angst.
Aus Respekt.
Aus Ahnung.
Er deutete auf eine der grauen Baracken hinter sich.

„Sie dürfen durch.“

Clio nickte.
Mehr nicht.

Dann ging sie weiter.
Die Tasse weiter in der Hand.



Hannah Kade stand am Fenster der Baracke.

Sie hatte Mika auf dem Arm, sein Kopf ruhte an ihrer Schulter.
Er schlief nicht. Aber er tat so.
So wie Kinder das tun, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt.

Draußen veränderte sich das Licht.
Nicht, weil eine Wolke kam.
Sondern, weil der Himmel selbst sich veränderte.

Hannah wusste nicht, was genau da draußen geschah.
Aber sie wusste, dass ihr Mann nicht zurückkommen würde.
Sie wusste es mit einer Sicherheit, die keinen Beweis mehr brauchte.

Sie flüsterte Mikas Namen.
Einmal. Leise. Nur für ihn.
Nur für sich.

Dann sah sie die Frau.

Barfuß.
Schwarzes Kleid. Makellos, wie es nicht sein dürfte.
Mit einer Tasse in der Hand. Fast wie ein Gast. Sicher nicht wie eine Bedrohung.
Dennoch wollte Hannah zurückweichen.
Doch ihre Füße blieben stehen.
Wie angewurzelt.
Wie gefesselt von etwas, das jenseits von Angst lag.

Clio betrat den Raum, langsam.
Kein Geräusch. Keine Ankündigung.
Nur Gegenwart.

Ihre Augen fanden Hannahs.
Und plötzlich war da alles: Trost, Verlust, Trauer.
Und: Entschlossenheit.

Hannah drückte Mika fester an sich.

„Bitte nicht“, sagte sie.

Nur zwei Worte.
Nicht laut. Nicht fordernd.
Sondern aus einer Verzweiflung, die keine Sprache mehr hatte.

Clio kam näher.
Stellte die Tasse auf das Fensterbrett.
Dann streckte sie die Arme aus.

Nicht brutal.
Nicht fordernd.
Nur: unausweichlich.

Mika hob den Kopf.
Sah Clio an.
Und, ohne zu weinen, streckte er ihr die Arme entgegen.

Hannah erstarrte.
Ihr Kind verließ sie nicht schreiend.
Nicht von ihr weggezerrt.
Sondern: freiwillig.
Als würde er etwas wissen, das sie nicht wusste.

Clio nahm ihn behutsam in den Arm.
Drückte ihn an sich.
Schloss für einen Moment die Augen.

Dann sah sie Hannah an.

„Er wird nicht allein sein“, sagte sie.

Und das war es.
Kein Versprechen.
Kein Trost.
Nur: eine Tatsache.

Hannahs Beine gaben fast nach.
Sie stützte sich am Fensterrahmen.

„Warum ich nicht?“, flüsterte sie.
Clio antwortete nicht.

Mika drehte sich noch einmal um.
Ein letztes Mal. Fröhlich.
Er sagte nichts.
Aber sein unschuldiger Blick zerbrach sie..

Dann verließ Clio den Raum.
Und Hannah blieb.

Nicht tot.
Zerstört.

Allein.

Mit einer Tasse auf dem Fensterbrett, die ein kleines Mädchen zeigte
und einem Himmel, der jeden Moment auf sie niedergehen konnte.


Hinterlasse einen Kommentar