Anna II – Virchow, 13353, Berlin [WIP]


Anna wachte auf.
Nicht schlagartig.

Langsam,
mit diesem verschwommenen Bewusstsein, das sich erst sortieren muss.
Licht.
Wärme.
Geräusche.

Sie hörte Berlin.
Ein Bus quietschte beim Bremsen.
Jemand lachte auf der Straße.
Ein Kind weinte.
Bauarbeiter gröhlten.
Leben.

Sie drehte den Kopf, sah auf das Display des Radioweckers.

13:57

Sie hatte sechs Stunden geschlafen.
Genau wie immer.

Aber da war …
Ein Flackern.

Für den Bruchteil einer Sekunde, kaum wahrnehmbar:

08:07

Dann sprang die Anzeige zurück.

13:57

Anna runzelte die Stirn.
Vermutlich hatte das Gerät einfach einen Wackler.
Oder sie hatte sich verguckt.
Noch halb im Traum.

Der Traum.

Er kam mit voller Wucht zurück.
Keine Luisa.
Die leeren Straßen.
Die Frau im OP-Saal.

Ihr Herz schlug schneller.
Sie richtete sich auf.
Stützte sich mit beiden Händen auf die Matratze.
Der Stoff war durchgeschwitzt.

Ein Traum.
Es musste ein Traum gewesen sein.
Aber so real.
So seltsam.
So falsch.

Anna schüttelte den Kopf.
Setzte die Füße auf den Boden.
Der Dielenboden war kalt.
Real.

In der Küche lief das Radio. Irgendein Wetterbericht.
Sie roch Kaffee.
Frisch.
Aber in ihrem Kopf tauchte ein ganz anderer Kaffeeduft auf.
Bitter. Alt. Still.

Sie griff zu ihrem Handy.
Nachricht von Luisa.
„Guten Morgen, Sonnenschein.
Frühschicht war Horror.
Sehen uns in der Cafeteria?“

Anna lachte leise.
Vor Erleichterung.

Was für ein verdammter Traum.

Beim Aufstehen hielt sie kurz inne.
Da war dieses Ziehen an der Stirn.
Kein Schmerz. Nur… Erinnerung?

Sie ging ins Bad.
Kaltwasser.
Zweimal ins Gesicht, wie immer.
Zähne.

Anna sah in den Spiegel.
Stutzte.
Blinzelte.
Hatte ihr Spiegelbild nicht eine winzige Verspätung gehabt?

Sie blinzelte erneut.
Jetzt passte alles.
Kein Fehler mehr.
Vermutlich war sie noch nicht ganz wach.

Anna trat einen Schritt näher.
Schaute sich selbst ins Gesicht.
Alles war da. Die Ringe unter den Augen.
Die Restmüdigkeit.

War da gerade…?
Sie beugte sich näher vor.
Hob langsam die Hand – ihr Spiegelbild tat es auch.
Nur einen Sekundenbruchteil zu spät.
Wieder.

„Du träumst nicht mehr.“, sagte sie laut.
Und hörte sich selbst mit einer winzigen Verzögerung.
Klang ihre Stimme anders?

„Schluss jetzt.“ sagte sie.
Keine Verzögerung in der Stimme.

Anna radelte durch den hektischen Berliner Verkehr zum Virchow-Klinikum.

Schloss ihr Rad an.
Atmete tief durch.
Betrat den Gang zur Notaufnahme.

Darin: das übliche Chaos.
Pflegekräfte, die durcheinander riefen.
Ein Rollbett, das quietschend um die Ecke geschoben wurde.
Patientenstimmen.

Beschwerden. Ungeduld. Unruhe.

Dann –
ein Flackern.
Nicht das Licht.

In der Welt.

Der Gang war leer.
Die Stimmen verstummt.
Keine Bewegung.
Nur: Stille.

Stille und weiße Fliesen.

Einen Lidschlag später –
war alles wieder da.
Stimmen. Rufe. Chaos.
Alles normal.

Anna betrat die Cafeteria.
Menschen redeten, lachten, schoben Tabletts über Tabletts in die Servierwagen.
Der Geruch von Frittierfett und Filterkaffee hing in der Luft.

Und urplötzlich – Stillstand.

Keinerlei Bewegung.
Völlige Stille.
Ein Moment, eingefroren in warmem Licht.

Am Rand ihres Blickfelds:

Eine Frau.

Schwarzes Kleid.
Barfuß.
Unwirklich schön.

Sie stand in der kleinen Teeküche der Cafeteria.
In der Hand eine weiße Tasse mit dem Motiv eines Mädchens mit einem Ballon.
Sie stellte sie gerade in einen Hängeschrank.
Drehte den Henkel leicht nach links.
Langsam.
Zärtlich.

Dann:
Ein kurzes Flackern.
Und ein Geräusch. Als würde sich eine Tür schließen.
Eine Rückkehr.

Stimmen, Lachen, Schritte. Klapperndes Geschirr. Realität.

Luisa saß an einem Tisch, winkte ihr zu, grinste.
„Na endlich.“

Als Anna auf den Tisch zuging, wirkte Luisas Stimme mit einem Mal besorgt:
„Alles Ok?
Du siehst total verwirrt aus,
als hätte man dich gerade aus der Narkose geholt.“

Anna zwang sich zu einem Lächeln.
„Bin gleich bei dir. Ich hol mir nur was zu essen und ’nen Kaffee.“

Luisa nickte.
„Bring mir ’nen Apfel mit, wenn’s noch einen gibt.“

Anna ging zur Ausgabe. Die Schlange war kurz.
Zwei belegte Brötchen – eins mit Käse und einem traurigen Salatblatt, das zweite mit Salami und einem noch traurigeren, ehemals grünen Blatt.
Kaffee in einer Tasse mit dem Logo des Virchow. Ein Stück Zucker. Etwas Milch.
Und ein Apfel. Mit einer kleinen Druckstelle. Der letzte.

Sie kam zurück, stellte das Tablett ab, reichte den Apfel rüber.
„War der schönste, den sie noch hatten.“

Luisa nahm ihn entgegen, biss hinein.
„Du hast gerade ausgesehen, als würdest du träumen.“

„Vielleicht hab ich das auch“, murmelte Anna.

Ein paar Sekunden Stille.

Dann nahm Anna einen Bissen vom Brötchen. Kaute. Schluckte.
„Wie war deine Schicht?“

Luisa verdrehte die Augen.
„Katastrophe. Die neue Stationshilfe ist völlig überfordert.
Hat zwei Zugänge verwechselt. Beinah Kalium in die Infusion gedrückt.“

„Klingt wie immer.“

Beide grinsten.

Alles war so normal, dass es fast weh tat.

Anna griff nach ihrer Kaffeetasse – und hielt inne.
Ein Ziehen im Nacken.

Etwas schob sich in ihren Kopf. Keine Erinnerung.
Kein richtiger Gedanke. Kein Wort. Nur ein Bild – oder das, was darunter lag.
Metall. Stark verformt.
Schreie.
Ein Airbag, der nichts verhindert hatte.
Blaulicht. Viel zu viel davon.
Die A100.

Anna schob ihre Tasse beiseite.
„Hier wird’s gleich richtig voll.“

Luisa runzelte die Stirn.
„Wie meinst du das?“

Anna antwortete nicht.
Sie schloss die Augen.
Ihre Lider zuckten.
Sie sah die Verletzungen, die sie gleich behandeln würde.

Hörte Luisas ängstliche Stimme wie durch ein Rauschen dringen.
„Anna? Was soll das?“

Dann: ein Piepen.
Noch eins.
Dann drei.
Dann viele.
Ein ganzes Orchester – als würde die Realität verkünden, was sie schon gesehen hatte.

Stimmen wurden laut, die Schritte hastig.
Jemand rief in die Cafeteria:
„Wir kriegen vier rein! Verkehrsunfall, A100, mehrere Polytraumen!“

Luisa waren schon aufgesprungen.
Die Tasse mit dem Mädchen und dem Ballon rutschte langsam zur Tischkante.
Anna fing sie auf. Ohne hinzusehen.

Im Laufen band sie sich die Haare zurück.
Griff instinktiv nach Handschuhen.

Der Flur vor der Notaufnahme war bereits in Bewegung.
Türen gingen auf, Betten wurden vorbereitet.
Monitore blinkten, Pflegekräfte riefen durch den Raum.

Schnittwunden. Thoraxprellungen. Frakturen.
Ein weinendes Kind.

Anna funktionierte. Sie war Ärztin.
Aber da war auch: das Wissen.
Dass sie das gesehen hatte. Irgendwie.

Später. Ein ruhiger Moment.

Anna saß allein auf der Bank vor der Personalumkleide.
Die Hektik war vorbei. Das Adrenalin verebbt.

Sie rieb sich die Stirn.
Immer noch dieses Ziehen.
Wie ein Echo von etwas, das noch nicht da war.

Dann hörte sie Schritte.
Luisa.
Sie setzte sich ohne ein Wort. Ließ die Stille erst mal stehen.

„Was ist los mit dir?“ Fragte sie schließlich.

Anna blinzelte.
„Wie meinst du das?“

„Hör auf.“
Luisas Stimme war ruhig, aber entschlossen.
„Woher hast du gewusst, was gleich kommt?“

Anna schwieg.

Einatmen. Ausatmen. Die Pause dazwischen knisterte.

„Meine Tasse.
Die Tasse.
Meine Lieblingstasse.“
Ihre Stimme wurde leiser, fast zärtlich.
„Ich hab es gesehen: Du hast sie aufgefangen, ohne hinzusehen. Mühelos.
Du wusstest, dass sie fällt. Vorher.“

Anna wollte etwas sagen.
Doch keine Antwort passte.

„Und der Unfall?

Wie konntest du das wissen?
Du hast gesagt, dass es hier gleich voll wird.“

Luisa rückte ein Stück näher.
„Anna… was ist los?“

Anna atmete flach.


Dann:

„Hast du die Frau gesehen?“

Luisa runzelte die Stirn. „Welche Frau?“

Anna schluckte.
„Im schwarzen Kleid.
In der Teeküche.
Vorhin.“

Nichts in Luisas Miene veränderte sich.

Anna fuhr fort, die Stimme kaum hörbar:
„Unwirklich schön.
Und barfuß.“

Sie wartete.
Die Stille dehnte sich.
Sie fürchtete sich vor der Antwort.

Luisa öffnete den Mund – doch bevor sie etwas sagen konnte, brachen Annas Tränen hervor.
Plötzlich. Haltlos.

„Ich war diese Frau.“

Luisa erstarrte.

„In einem Traum,“ presste Anna hervor.
„Ich war sie. Hier.
In der Cafeteria.“

Ein Schluchzen schüttelte sie.
„ICH habe deine Tasse zurück in den Schrank gestellt.
Du warst nicht mehr da.
Niemand war mehr da.“

Sie krümmte sich vor Schmerz, als würde jeder Satz sie weiter aufreißen.

„Ich war allein.
Und ich war… sie.“

Ihre Finger verkrampften sich im Stoff ihrer Hose.

„Luisa… ich glaube, ich bin nicht mehr ich.“

In den weißen Kacheln gegenüber pulsierte für einen Herzschlag lang ihr Spiegelbild – wieder eine Spur zu spät.
Wie ein Echo, das sich nicht entscheiden konnte, ob es noch ihr gehörte.


Nur Anna sah es.
Nur Anna zuckte zusammen.

Luisa sah sie lange an.
Zu lange.
Zu still.


Dann atmete sie hörbar aus.

„Okay“, sagte sie leise, aber entschieden.

„Du kommst jetzt mit mir.
Nur ein kurzer Check. Blutdruck, Pupillen, Koordination.
Und wir nehmen dir Blut ab.
Nur, um sicherzugehen.“

Anna schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht krank.“

„Anna“, unterbrach Luisa, „bitte.“


Ihre Stimme brach fast.
„Ich hab Angst um dich.“

Anna sah weg.

Luisas Hand legte sich auf ihre Schulter.
Nicht ärztlich.
Menschlich.

„Du bist doch sonst die Vernünftige von uns beiden“, flüsterte sie.

Anna nickte schließlich. Ganz leicht.
Nicht zustimmend.
Sondern: ergeben.
Wie jemand, der weiß, dass etwas unausweichlich ist.

Sie gingen den Flur entlang.

Nicht schnell.
Luisa achtete darauf, dass Anna Schritt hielt.
Ihre Schulter streifte Annas, ein stilles „Ich bin da“.

Anna versuchte zu atmen. Gleichmäßig. Vernünftig.
Der Geruch nach Desinfektionsmittel war vertraut.

Boden. Routine. Halt.

Dann sah sie es.

Links an der Wand, kurz über Augenhöhe:
ein feiner Spalt.
Wie ein Haarriss im Putz.
Nur dunkler.
Zu dunkel.

Er wirkte… falsch.
Nicht wie ein Schaden an der Wand.
Eher wie etwas, das nicht hierher gehörte.

Anna blieb stehen.

„Luisa.“

Luisa drehte sich halb um. „Hm?“

Anna deutete auf die Stelle.
„Siehst du das? Den Riss?“

Luisa folgte ihrem Blick.
Starrte direkt auf die Wand.
Neutrale Kacheln. Sauber. Intakt.

„Da ist nichts.“

Anna trat einen Schritt näher.
Der Riss schien sich minimal zu bewegen.
Ganz leicht.
Wie ein Atemzug.

„Doch. Da. Siehst du? Er—“

Luisa legte ihr vorsichtig die Hand auf den Unterarm.
„Anna. Da ist kein Riss. Vielleicht bist du überreizt. Komm, wir—“

„Luisa.“
Annas Stimme war zu dünn.
Zu klar.
„Der Riss… der bewegt sich.“

Sie sah ihn pulsieren.
Ganz fein.
Wie eine Naht, die gleich aufgehen würde.

Luisa folgte ihrem Blick erneut.
Nichts in ihrem Gesicht veränderte sich.

„Anna, bitte. Vertrau mir.“
Sie zog sanft an ihrem Arm.
„Nur einmal in den Untersuchungsraum. Nur kurz.“

Anna ließ sich ziehen.
Ein paar Schritte weiter.
Dann wagte sie es, noch einmal zurückzublicken.

Der Riss hatte sich geöffnet.
Nur für sie.
Ein Spalt in etwas, das keine Wand mehr war.

Schwarz dahinter.
Nicht nur dunkel — tief schwarz.
Ein Schwarz wie das Kleid der Frau.

Anna zuckte zusammen.
Stolperte.

„Hey“, sagte Luisa leise. „Ich hab dich.“

Anna nickte. Mechanisch.

Noch ein Blick zurück.

Der Riss war verschwunden.
Die Wand war glatt. Weiß. Harmlos.

Sie gingen weiter.
Doch Anna wusste jetzt:

Die Welt war nicht mehr geschlossen.
Und Luisa konnte es nicht sehen.

Sie waren fast da.

Die weiße Tür am Ende des Gangs. Raum 3.
Anna kannte ihn gut – EKG, Vitalzeichen, die kleinen Untersuchungen.
Nichts Bedrohliches. Nichts Ungewöhnliches.

Luisa lief ein paar Schritte voraus.
„Nur kurz. Dann sehen wir weiter, ja?“, sagte sie leise, ohne sich umzudrehen.

Anna antwortete nicht.

Das Ziehen in ihrer Stirn war stärker geworden.
Nicht wie Schmerz.
Mehr wie Druck.
Als würde etwas in ihr zu groß werden für ihren Körper.

Noch zehn Schritte.

Der Boden unter ihren Füßen fühlte sich falsch an.
Nicht rutschig. Nicht schief.
Einfach: anders.
Als würde sie nicht mehr ganz in dieser Welt stehen.

Noch acht Schritte.

„Erinnerst dich an das Seminar in Tübingen?“, fragte Luisa plötzlich.
Lächelnd, in ihrer Stimme. Dieser vertraute Tonfall.
„Der eine Dozent, der uns alle gehasst hat?“

Anna zwang sich zu nicken.

„Professor Hesse.“

Luisa lachte leise.
„Er hat mich mal mit Frau Kleist angesprochen. Keine Ahnung warum. Ich hab nichts gesagt. Ich war eine Woche lang Frau Kleist.“

Noch fünf Schritte.

„Ich wünsch mir manchmal, dass wieder alles so ist wie früher“, sagte Luisa.
Ihr Lächeln war kleiner geworden.
„Viel zu viel Kaffee, schlechtes Mensaessen und zu wenig Schlaf. Ohne… das hier.“

Noch drei Schritte.

Anna wollte etwas sagen.
Vielleicht: Ich auch.
Vielleicht: Es tut mir leid.

Aber ihre Kehle war trocken.

Dann griff Luisa nach dem Türgriff –
– und blieb stehen.

„Ich hab dich lieb, Anna“, sagte sie.

Nicht laut.
Nur wie ein letzter Gedanke, der in Worte musste.
Der nicht warten konnte.

Anna schluckte. Blinzelte. Viel mehr schaffte sie nicht.
„Ich dich auch.“

Luisa lächelte.
Dann öffnete sie die Tür.
Setzte einen Schritt in den Raum.

Ein Flackern ging durch die Luft.
So fein, dass man es übersehen konnte.
Wie Hitze auf Asphalt.
Wie ein Wimpernschlag.

Anna trat hinterher.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Der Raum war leer.

Keine Geräte. Kein Licht. Keine Geräusche.

Keine Luisa.

Nur: ein leichter Duft von Kaffee.
Und ein einzelnes Haarband, auf dem Boden.

Anna erstarrte.

Der Raum war nicht nur leer –
er war zu leer.
Als hätte nie jemand darin gestanden.

Sie drehte sich um. Zog die Tür wieder auf.
Der Flur war da.
Der Gang. Die Welt. Alles noch da.

Luisa war weg.

Ein Teil von ihr wusste es sofort.
Noch bevor ihr der Atem stockte.
Noch bevor sie sich setzen musste, weil ihre Knie nachgaben.

Sie war der Riss.
Und Luisa war hindurchgefallen.

Anna saß auf dem Boden.

Rücklings an die Wand gelehnt.
Ihre Knie angezogen, ihre Stirn darauf abgelegt.
Sie atmete – irgendwie.

Der Raum war still.
Nur das Summen der Deckenlampe.
Ein winziger Ton. Fast wie ein nerviges Insekt, das nicht weiß, wohin.

Dann kam die Stimme.

Nicht laut.
Aber da.
Mit einem Echo, das zu viele Räume zu füllen schien.

„Schade.“

Anna hob den Kopf nicht.

„Es ist wirklich schade.“

Die Stimme war nicht spöttisch.
Nicht tröstend.
Nur ehrlich.

„Du hast sie geliebt.
So wie sie dich geliebt hat.“

Anna schloss die Augen.

„Aber das ist nicht das Maß, nach dem diese Welt bemessen wird.“

Jetzt hob Anna den Kopf.
Langsam.
Setzte sich auf.
Nicht überrascht.

Die Frau stand am Fenster.
Dass der Raum zuvor leer war – das zählte nicht mehr.

Sie trug dasselbe Kleid aus schwarzem Licht.
Ihre Haare wie ein Schleier aus Dunkelheit.

Sie blickte nicht zu Anna.
Nur nach draußen. In den Berliner Himmel.

„Er wird sinken“, sagte sie.
„Nicht heute. Nicht durch mich.“
Eine Pause.
„Das ist jetzt deine Aufgabe.“

Anna antwortete nicht.
Sie fror nicht. Zitterte nicht. Fragte nicht.
Sie wusste, dass jede Antwort bereits gesagt war.

Die Frau legte den Kopf leicht schief.

„Du wirst sie nicht vergessen.
Aber du wirst es lernen.“

Ein letzter Satz.
Fast bedauernd.
Fast müde:

„Du bist jetzt der Riss.“

Dann war sie verschwunden.
Kein Geräusch. Kein Licht. Kein Effekt.
Nur: Leere.
Und Luft, die nach etwas anderem roch als vorher.

Anna blieb noch eine Weile sitzen.
Dann stand sie auf.
Langsam. Ohne Hast.

Sie ging zur Tür, öffnete sie, trat auf den Flur.
Der Geruch von Desinfektionsmittel und Alltag.

Dann ging sie weiter.
Richtung Treppenhaus.
Richtung Dach.

Allein.
Nicht verloren. Verändert.

Die schwere Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Ein letztes Geräusch aus der alten Welt.
Dann nur noch Wind.

Anna trat hinaus.

Der Himmel über Berlin wirkte schwer über der Stadt.
Nicht dunkel. Nicht bedrohlich.
Er war: bereit.

Sie ging bis an den Rand.
Kein Zögern in den Schritten.
Ihre Hände in den Manteltaschen.
Der Wind spielte mit einer Strähne.

Unter ihr: die Stadt.
Straßen. Fenster. Dächer.
Alltag in jeder Richtung.
Noch.

Anna schloss die Augen.
Atmete ein.
Und wieder aus.

Sie spürte es.
Wie es in ihr wuchs.
Etwas, das vielleicht schon immer da gewesen war.
Etwas, das nie hätte da sein dürfen.

Sie öffnete die Augen.
Und sah es:
Die erste Linie im Himmel.

Ein Riss.
Zart.
Wie ein Kratzer im Glas.
Aber tief.
Dann: noch einer.
Ein Netz aus feinen Linien, das sich langsam über die Stadt zog.

Die Luft wurde schwerer.
Die Farben blasser.
Die Geräusche ferner.

Anna hob die Hand.
Keine Geste. Kein Zauber.
Nur: ein Einverständnis.

Und der Himmel begann zu sinken.
Leise.
Wie eine große, weiche Decke.
Wie eine Erinnerung, die zu schwer geworden ist.

Menschen hörten auf zu sein.
Nicht durch Schmerz.
Nicht durch Urteil.
Nur durch: Auflösung.

Anna stand still.
Bewegungslos.
Teil von etwas, das größer war als sie.
Und dennoch mit ihr begann.

Keine Tränen.
Kein Schrei.
Nur ein letzter Gedanke, den niemand hören würde:

„Ich war der Riss. Jetzt ist er geschlossen.“

Dann war da:
Schwarz zu Blau.
Blau zu Schwarz.
Und:
Stille.

Anna lächelte.


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