Sirenen, Schweiß, Sekundenentscheidungen – eine Nacht wie jede andere.
Drei Verkehrsunfälle mit Knochenbrüchen. Zwei Herzstillstände. Routine.
Jetzt war es kurz nach fünf, und die Notaufnahme im Virchow roch nach Desinfektionsmittel und Filterkaffee. Wie immer.
Anna, Assistenzärztin im zweiten Jahr, saß erschöpft auf der Fensterbank beim Automaten, ihre Tasse in der Hand.
Sie spürte dieses künstliche Wachsein, das nach einer durchgearbeiteten Nacht kommt – wenn der Körper noch nicht glaubt, dass es vorbei ist.
Im OP sortierte jemand Spritzen.
Eine Kollegin lachte zu laut, völlig fertig.
Die Frühschicht war da.
Müde Gestalten im Neonlicht
Mit tiefen Falten im Gesicht.
Und wie immer gab es diesen Moment des Übergangs —
die, die gehen, reden zu schnell; die, die kommen, hören noch nicht richtig zu.
„Kaffee?“ fragte jemand.
Anna wusste, dass sie nicht noch einen brauchte. Und nickte trotzdem.
Nach ein bisschen Smalltalk verabschiedete sie sich grinsend.
„Bis gleich.“
Draußen war die Luft feucht und kühl.
Berlin dämmerte.
Nicht mehr ganz Nacht, noch nicht ganz Morgen.
Der Asphalt glänzte vom Regen.
Ein Lieferwagen rumpelte vorbei, laute Musik hämmerte aus dem offenen Fenster der Fahrertür.
Sie stieg auf ihr Fahrrad. Fuhr Richtung Seestraße.
Der Himmel über dem Wedding war schwarzblau. Sah irgendwie seltsam aus.
Als sie am Kottbusser Tor vorbeikam und das übliche Chaos sah, musste sie lächeln.
Vor einem Späti standen sie.
Schals um dünne Hälse, Designer-Sneaker voller Dreck, die Stimmen viel zu laut für die Uhrzeit.
Sie redeten über Kunstprojekte, Clubs, irgendwas mit „Awareness“ und „Subkultur“.
Gekünsteltes Lachen. Einer filmte sich selbst.
Ein Lied spulte sich in ihrem Kopf ab.
„Atzen rotzen in die Gegend, benehm’n sich daneben
Szeneschnösel auf verzweifelter Suche nach der Szene.“
Anna trat weiter in die Pedale.
—
Sie stellte ihr Fahrrad ab, schloss es wie immer am Zaun gegenüber an.
Dieselbe Bewegung wie jeden Morgen – Schloss einrasten lassen, einmal ziehen, ein zweiter Blick, obwohl sie wusste, dass alles saß.
Im Treppenhaus roch es nach Putzmittel und Zigarettenrauch.
Im dritten Stock quietschte das Holz unter ihren Schritten.
Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, der Rucksack landete auf dem Stuhl neben dem Küchentisch.
Dusche.
Warmes Wasser, Dampf, der sich an den Fliesen sammelte. Ihr Atem wurde ruhig. Die Gedanken rutschten ab, wie die Tropfen über die Haut.
Frottee.
Zahnbürste.
Fenster kippen.
Noch ein Glas Wasser.
Dann endlich ins Schlafzimmer.
Der Radiowecker zeigte 07:57 Uhr an. Sie fiel in ihr Bett.
Im Einschlafen hörte sie wie ein Lieferwagen hielt. Junge Männer trugen Kisten. Lachten.
Auf dem Balkon über ihr telefonierte ein Mann.
Ein Kinderwagen quietschte auf dem Gehweg.
Wie der Himmel sich veränderte, bekam sie nicht mit.
Es kam nicht abrupt. Kein Donner, kein Lichtblitz.
Einfach… ein Nachgeben. Ein Einsinken.
Er senkte sich, langsam, lautlos.
Wie eine Decke.
Oder ein Schleier.
Oder ein letzter, tiefer Atemzug.
Fast alle Geräusche verstummten.
Die Körper lösten sich auf.
Nicht spektakulär. Nur… weg.
Der Radiowecker zeigte jetzt 08:08 Uhr.
Die Straße war leer.
Die Stadt war leer.
Anna schlief.
—
Anna schlief tief. Wie immer nach einer langen Schicht.
Etwas über sechs Stunden. Mehr brauchte sie selten.
Als sie aufwachte, war es still.
Nicht unheimlich still – nur angenehm.
Keine Sirenen, kein Hupen, kein Kindergeschrei vom Spielplatz gegenüber.
Ein Morgen wie im Hotel, dachte sie. Seltsam friedlich.
Sie stand auf, ging ins Bad. Kaltes Wasser ins Gesicht, zweimal niesen.
Die Zahnbürste vibrierte gegen ihre Zähne.
Der Kaffee lief schon durch die programmierte Maschine.
Alles wie immer.
Auf dem Couchtisch lag ihr Tablet.
Sie schob sich ein Kissen unter den Ellbogen, tippte die gewohnte Seite an: Spiegel Online.
Ein Artikel über die Bahn, einer über Israel, irgendwas zu Fußball.
Die Uhrzeit darunter: 08:07 Uhr.
Sie runzelte die Stirn.
Kein Update? Keine Eilmeldung? Keine neuen Pushs?
Sie klickte sich durch andere Seiten: nichts.
Dann die Apps – Facebook, TikTok, Insta, X.
Keine neuen Posts. Keine Stories. Keine Nachrichten.
Auch ihre privaten Chats:
Kein „Und wie war die Nacht?“
Kein Meme von ihrer Schwester.
Kein „Bin wach, Kaffee??“ von Luisa.
Nur Leere.
Die digitale Welt, eingefroren um 08:07 Uhr.
Anna starrte auf den Bildschirm.
Vielleicht war das WLAN ausgefallen. Oder die Server. Irgendwas Technisches.
Nein. Das WLAN war es nicht. Ihr Router blinkte fröhlich und signalisierte Anwesenheit.
Sie stand auf, ging zum Fenster.
Anna erstarrte.
Es gab noch Autos. Es gab auch noch Fahrräder.
Die Autos standen teilweise quer. Waren gegen Blumenkübel gekracht. Sie hatte es im Schlaf nicht gehört.
Einige Fahrräder lagen auf dem Gehweg oder auf der Straße.
Ein Hund streifte umher.
Die Leine schleifte hinter ihm – am anderen Ende: niemand.
Sie griff zur Fernbedienung ihres Fernsehers.
Normalerweise wählte sie zwischen Netflix und Prime. Jetzt drückte sie die Taste, die mit TV beschriftet war.
001 – ARD
erschien in einer der Bildschirmecken.
Das Bild zeigte einen blauen Hintergrund und einen Schriftzug: „Wir entschuldigen uns für die vorübergehende Störung“
Anna zappte weiter. ZDF. RTL. SAT 1. ARTE. Überall das gleiche.
Im TV: nur Störungsmeldungen.
Im Netz: nichts Neues seit 08:07 Uhr.
Auf den Straßen: keine Menschen. Nur Spuren.
Das konnte nicht sein.
Vielleicht… ein technischer Fehler.
Ein Störfall.
Irgendwas mit der Zeit?
Vielleicht waren alle evakuiert worden.
Eine Gaswolke.
Irgendeine Sicherheitslage.
Irgendetwas, das sie verschlafen hatte.
Aber der Strom war da. Der Fernseher lief. Der Router blinkte.
Die Kaffeemaschine hatte wie immer funktioniert.
Und draußen: ein Hund, ganz allein.
Mit Leine.
Sie fühlte, wie Angst in ihr aufstieg.
Zögernd griff sie zu ihrem Handy.
Sie rief das Telefonbuch auf. Tippte auf „Mama“.
Einmal Freizeichen.
Zweimal.
Dreimal.
Kein Anrufbeantworter, keine Unterbrechung. Nur dieses monotone, gleichmäßige tuuut… tuuut… tuuut…
Drückte auf das Icon zum Auflegen.
Versuchte es noch einmal.
Noch einmal.
„Ruhig bleiben, Anna. Ruhig bleiben.“
Aber die eigene Stimme klang ihr fremd.
Sie versuchte Lara anzurufen.
Wieder Freizeichen. Auch ihre Schwester antwortete nicht.
Ben – den Bruder.
Wieder nur Freizeichen.
Noch ein Versuch.
Luisa. Die selbst auf dem Klo ans Handy ging.
Nichts.
Sie legte ihr Telefon auf den Tisch.
Langsam.
Als wäre es plötzlich sehr schwer geworden.
Ein Moment lang starrte sie auf die Wand gegenüber.
Dann stand sie auf.
Ging in die Küche.
Die Spülmaschine war fertig.
Sie öffnete die Klappe.
Ein leichter Nebel hing noch in der Luft – kaum mehr Dampf, eher ein Echo davon.
Wie ein letzter Hauch Normalität.
Anna nahm einen Teller, stellte ihn ins Regal.
Einen zweiten. Eine Tasse. Noch eine.
Besteck in die Schublade, mit diesem leisen Klappern, das sonst immer unterging im Lärm von draußen.
Jetzt: nichts als dieses Klappern.
Und ihr Atem.
Sie war allein.
Aber das Besteck war noch da.
Die Tassen. Die Teller.
Etwas in ihr wollte lachen.
Oder weinen.
Stattdessen legte sie das letzte Messer in die Schublade und schloss sie mit einem leisen Klicken.
Dann atmete sie ein.
Langsam.
Und sah zur Wohnungstür.
Anna trat vor die Haustür.
Die Luft war still, milchig, seltsam schwer.
Nichts bewegte sich. Kein Rufen aus den Hinterhöfen, kein Klappern von Geschirr.
Nur ihr eigener Atem, der viel zu laut klang.
Sie wollte eigentlich direkt zu ihrem Fahrrad.
Der Griff nach dem Schloss war reine Routine, etwas, das sie verstand.
Luisa hatte Tagschicht.
Sie hatte immer pünktlich angefangen.
Immer.
Wenn jemand da war, dann sie.
Dann fiel ihr Blick auf die Kreuzung.
Zwei Autos standen dort, schräg ineinander verkeilt.
Die Warnblinkanlagen blinkten noch, langsam, stoisch.
Tick… tick… tick…
Ein leises, gleichmäßiges Herzschlagen in einer toten Stadt.
Anna ging los. Erst zögernd, dann schneller.
Der Körper handelte, bevor der Kopf hinterherkam.
So war sie trainiert: hinlaufen, Lage einschätzen, helfen.
Sie beugte sich in den ersten Wagen hinein.
Der Fahrersitz: leer.
Ein Handy auf dem Beifahrersitz, das Display gesprungen, aber noch an.
Ein Taschentuch lag auf dem Boden, halb unter der Bremse eingeklemmt.
Aber kein Blut. Kein Mensch.
Dann der zweite Wagen:
Ein Kindersitz auf dem Rücksitz, angeschnallt, leer.
Eine Thermoskanne auf dem Boden des Beifahrerraums, umgekippt.
Kaffee war ausgelaufen und getrocknet.
Im Radio steckte eine Kinder-CD, die Anzeige flackerte bei „Track 3“.
Anna trat zurück.
Blinzelte gegen das Licht.
Das Warnblinken spiegelte sich in den Scherben auf der Straße, wie in kleinen Wasserflächen.
Sie lauschte.
Aber da war nichts.
Kein Stöhnen, kein Motor, kein Wind.
Ihre Hand bewegte sich unwillkürlich – suchte einen Puls, den es nicht gab.
Eine Geste ohne Ziel.
Dann blieb sie einfach stehen, mitten auf der Straße, zwischen den Autos, den Glassplittern, der Stille.
Und verstand:
Hier braucht niemand mehr Hilfe.
Nirgends.
Die Erkenntnis war plötzlich da.
Schwer, aber unüberhörbar.
Ihr Brustkorb hob sich stoßweise.
Anna wusste plötzlich, dass sie ins Virchow musste.
Luisa hatte Tagschicht.
Sie würde dort sein. Wenn irgendwer noch irgendwo war.
Sie ging zurück zu dem Zaun, an dem ihr Fahrrad stand.
Öffnete das Schloss. Hob das Rad leicht an, löste es aus dem Gitter.
Ein letzter Blick zur Haustür.
Dann schwang sie sich auf den Sattel.
Sie fuhr die Seitenstraße entlang, vorbei an geschlossenen Fenstern, grauen Mauern, leeren Balkonen.
Keine Musikfetzen, kein Duft von Kaffee. Kein Gestank von Zigaretten.
An der Ecke bog sie auf die Hauptstraße.
Dann hielt sie an und stöhnte leise auf.
„Fuck.“
Vor ihr lag: Stillstand.
Autos in seltsamen Winkeln zueinander. Die Türen geschlossen, aber mit immer noch laufenden Motoren. Einige hatten sich ineinander verkeilt, als wären die Fahrer im letzten Moment noch ausgewichen – vor was auch immer.
Ein Linienbus stand schräg auf der Kreuzung, mitten im Abbiegen festgefroren.
Ein Scheibenwischer bewegte sich noch. Träge. Hin und her. Hin und her.
Anna stieg ab.
Schob das Rad vorsichtig am Straßenrand entlang.
Sie war auf der Müllerstraße, schon fast beim Virchow.
Der Himmel war grau und es dämmerte bereits. Aber die Neonreklamen über den Geschäften leuchteten stolz.
Dann vibrierte es an ihrem Handgelenk.
„Tagesziel erreicht! Weiter so, Anna!“
Auf dem Display tanzten kleine Konfettipartikel.
Ein einziger, lächerlicher Triumph.
Sie sah auf die Uhr, wollte lachen — und im selben Moment
flackerte das Licht der Laterne über ihr.
Einmal, zweimal. Dann Stille. Und Dunkelheit.
Die Reklametafeln erloschen als nächstes,
dann die Ampeln.
Nur das schwache Glühen des Displays blieb,
bunt und lebendig, während Berlin schwarz wurde.
Das letzte Lob der Welt kam von einer Uhr.
Die großen Gebäude ragten still in den dunklen Himmel.
Der Notstrom hatte bereits übernommen. Licht brannte.
Fenster, die matt von innen leuchteten.
Anna stieg ab.
Schloss ihr Fahrrad an einen der Fahrradständer, wie sie es immer tat.
Ohne Sinn, aber mit Pflichtgefühl.
Sie ging durch die Drehtür.
Der Empfang war leer. Kein Piepen, kein Reden, kein Klingeln.
Die Monitore hinter dem Tresen waren an, aber eingefroren.
Uhrzeit: 08:07 Uhr.
Sie lief den Gang entlang. Vorbei an leeren Wartebänken, vorbei an Plakaten über Händedesinfektion und Rückenschule.
Ihre Schritte hallten, gedämpft.
In der Ferne blinkte eine grüne Notausgangsleuchte.
Im Pausenraum brannte Licht.
Die Tür war nur angelehnt.
Anna stieß sie vorsichtig auf.
Und da stand sie.
Auf dem Tisch.
Die Tasse.
Weiß, mit dem Banksy-Motiv: Mädchen mit Ballon.
Ein rotes Herz, das dem Kind entglitt.
Oder das es fangen wollte.
Noch halb voll. Der Kaffee längst kalt.
Anna ging langsam näher.
Stellte sich an den Tisch.
Starrte auf das Bild.
Auf das Mädchen.
Auf das Herz.
Wie oft sie darüber gestritten hatten.
Immer wieder.
Luisa hatte gesagt, das Mädchen lässt los.
Anna hatte gesagt, das Mädchen greift danach.
Sie hatte das nie eingesehen.
Luisa hatte immer gelacht, wenn Anna darauf bestand.
„Du bist so hoffnungslos, Anna.“
„Und du bist zu schnell mit dem Aufgeben.“
Anna setzte sich.
Langsam.
Zog die Tasse ein paar Zentimeter zu sich heran.
Ihre Finger zitterten leicht, als sie den Henkel berührte.
Sie hätte jetzt noch einmal lachen können.
Oder fluchen.
Oder sich sagen, dass sie nur müde war.
Aber es ging nicht mehr.
Der Kloß im Hals kam zu schnell.
Der Atem stockte.
Und dann war alles einfach da.
Tränen.
Keine stillen.
Keine, die man heimlich wegwischt.
Sie schlug die Hände vors Gesicht.
Legte den Kopf auf die Arme.
Der Schmerz durchbrach sie.
Und dann war da nichts mehr.
Nur Anna.
Eine Tasse.
Ein Bild.
Und eine Welt, in der niemand mehr streiten konnte.
Nicht mal über ein Graffiti.
Die Tasse stand immer noch da.
Immer noch halb voll. Der Kaffee längst bitter.
Ein dünner Rand an der Innenseite.
Anna hatte sich beruhigt. Irgendwie.
Sie saß noch immer am Tisch, aber aufrechter.
Der Atem kam wieder regelmäßig.
Die Tränen waren versickert. Vorerst.
Sie nahm die Tasse mit beiden Händen, ganz vorsichtig.
Stellte sich ans Waschbecken.
Drehte das Wasser auf. Lauwarm.
Sie spülte langsam.
Ohne Schwamm, ohne Seife.
Nur Wasser, das den kalten Rest ausspülte.
Der Duft stieg kurz auf – alt gewordener Kaffee.
Vertraut. Wie jemand, der das Haus verlassen hat, aber die Jacke dagelassen hat.
Sie stellte die Tasse kopfüber zum Trocknen auf das Abtropfgitter.
Sah ihr einen Moment zu.
Dann nahm sie sie wieder, trocknete sie mit einem Küchentuch.
Der Schrank über der Spüle stand offen.
Dritte Reihe, ganz rechts – da stand sie immer.
Sie stellte die Tasse zurück. Genau dorthin.
Drehte den Henkel leicht nach links, so wie Luisa es mochte.
Ein leises Klicken, als sie die Schranktür schloss.
Anna lehnte sich noch einen Moment an die kühle Arbeitsfläche.
Hielt sich daran fest.
Dann stieß sie sich ab.
Die Stationen lagen still vor ihr.
Kein Piepen. Kein Rufen.
Kein metallisches Klirren, kein hektisches Tippen.
Die Gänge waren hell, in jedem einzelnen rief sie Luisas Namen.
Bekam nur Schweigen als Antwort.
Fast alle Räume standen offen, alle Liegen waren leer.
Im Herzkatheterlabor roch es nach Desinfektionsmittel und alter Anspannung.
Im Aufwachraum lagen Decken auf den Betten, als hätte jemand sie noch kurz zurecht gezogen, bevor er verschwand.
Anna ging weiter.
Die Tür zum großen OP stand offen.
Licht flackerte. Nur ganz leicht.
Sie trat ein.
Und blieb sofort stehen.
Da war jemand.
Auf dem OP-Tisch saß eine Frau in einem seltsamen schwarzen Kleid.
Es war nicht aus Stoff. Es war: aus schwarzem Licht.
Schien zu flirren, als sei es aus Schatten, die sich weigern, eine Form zu behalten.
Sie war barfuß.
Ihr Haar fiel in tiefschwarzen Wellen über ihre Schultern.
Es ließ den Raum um die Frau herum dunkler wirken.
Ihre Augen waren geschlossen.
Die Hände zitterten leicht.
Sie war unmenschlich schön.
So schön, dass es wehtat. Oder falsch schien.
Anna sagte nichts.
Sie hörte nur ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen.
Etwas in ihr wollte fliehen.
Der Körper wusste es vor dem Kopf:
Das hier war nicht mehr ihre Welt.
Dann bewegte sich die Frau.
Es sah aus, als würde die Luft um sie herum kurz vibrieren.
Anna wollte etwas sagen. Etwas fragen.
Doch bevor sie ihre Stimme fand, öffnete die Frau die Augen.
Wie jemand, der endlich fertig geträumt hat.
Sie waren blau.
Dann grün.
Dann etwas dazwischen.
Wechselten scheinbar ständig ihre Farbe.
Sie lächelte. Und das Lächeln wirkte müde.
„Ich hatte gehofft, du würdest mich später finden“, sagte sie.
Die Stimme war sanft.
Uralt und jung zugleich.
Wirkte so fremd wie vertraut.
„Sind Sie… eine Patientin?“, hörte Anna sich sagen.
Es klang unfassbar absurd, sogar für sie selbst.
Ein Zucken im Mundwinkel der Frau.
Kein Spott. Eher ein Bedauern.
„Sag mir, Anna:“, flüsterte sie,
„Das Mädchen mit dem Ballon.
Hat sie ihn losgelassen?
Oder will sie ihn greifen und festhalten?“
Anna öffnete den Mund.
Schloss ihn wieder.
Der OP-Tisch war näher gekommen.
Oder?
Sie hatte kein Geräusch gehört. Keine Bewegung gesehen.
Und doch: weniger Abstand.
Wie in einem Film, in dem ein Frame fehlt.
Die Ärztin in ihr registrierte, dass die Frau aufgehört hatte zu zittern.
Gleichzeitig spürte sie, wie sie selbst zu zittern begann.
Unkontrolliert.
Etwas in ihr wollte schreien: Woher weißt du das?
Doch der Gedanke veränderte sich, noch bevor er zu Ende gedacht war.
Nicht: Woher weißt du das?
Sondern:
Warum hast du das getan?
Und die Frau blickte sie an, als hätte sie es gehört.
Als hätte sie es erwartet.
Sie neigte leicht den Kopf.
Nicht wie jemand, der eine Frage beantworten will.
Sondern wie jemand, der zuhört.
Einem Takt, den nur sie hören konnte.
Dann sagte sie:
„Weil es Zeit war.“
Keine Entschuldigung.
Keine Erklärung.
Kein Satz.
Ein Naturgesetz.
Anna holte lautlos Luft.
„Du… hast sie getötet. Alle.“
Es war kaum ein Flüstern.
Die Frau lächelte.
„Nein.“
„Aber sie sind weg.“
„Ja.“
„Und das war… dein Werk?“
Schweigen.
Dann: „Ich bin das Werkzeug.“
Ein Flackern ging durch das Licht im OP. Ein Summen.
Der Strom flackerte nicht. Die Welt flackerte.
Kurz.
Dann war es wieder still.
Anna wich einen Schritt zurück.
„Was bist du?“
Die Frau lächelte erneut.
Zum ersten Mal war da Wärme in dem Lächeln.
Und etwas, das fast Mitleid war.
„Heute heiße ich Nimue.
Morgen bin ich nur noch ein Traum.
Und bald: Nichts mehr.“
Anna zitterte nicht mehr nur. Ihr ganzer Körper bebte.
„Warum hast du mich verschont?“
Die Frau stand jetzt unmittelbar vor Anna.
Abrupt.
Sie war nicht von dem OP-Tisch aufgestanden.
Hatte sich nicht bewegt.
Stand plötzlich vor ihr wie nach einem Schnitt im Film.
Dann hob sie die Hand.
Legte einen Finger ganz leicht an Annas Stirn.
Anna wollte zurückweichen, doch ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr.
Etwas in ihrem Inneren verschob sich.
Kein Schmerz. Kein Licht.
Dann sagte die Frau ihre letzten Worte. Lächelte ein letztes Mal.
„Für später.
Für den Anfang.
Für das Ende.“
Ein leiser Luftzug ging durch den Raum, obwohl kein Fenster offen war.
Die Monitore im OP flackerten auf.
Für den Bruchteil einer Sekunde waren auf jedem von ihnen zwei Zahlen zu sehen:
08:07
Anna fiel.
Langsam. Wie in Zeitlupe.
Und Nimue verschwand.
Kein Lichtblitz. Kein Geräusch.
Nichts mehr.