Seon-yeong kannte nur den Gesang der Vögel.
Die Lautsprecher über den Baracken schrien manchmal Hymnen über den Großen Führer.
Blechern.
Verzerrt.
Stimmen aus einer anderen Welt.
Doch das waren keine Lieder — nur Lärm, Befehle, Geräusche der Macht.
Nur die Drosseln in den Kiefern am Zaun sangen etwas, das wirklich zu ihr sprach.
Bis das Vibrieren der Luft begann und der Himmel sich senkte.
Der Tag, an dem zuerst die Vögel verschwanden. Sie fielen nicht tot vom Himmel. Sie verschwanden einfach.
Und mit ihnen die einzigen Stimmen, die niemandem gehorchten.
Die gekommen und gegangen waren wie sie wollten.
Seon-yeong war hier geboren worden. Wie viele andere vor ihr.
Die Schuld eines Einzelnen genügte, um Kinder, Geschwister, Eltern und Großeltern für immer einzusperren.
Ein Ort, an dem Schuld vererbt wurde wie die Haarfarbe.
Manchmal hatte sie sich gefragt, ob es irgendwo ein Draußen gab.
Etwas jenseits der Felder, jenseits des Zauns.
Aber dann hatte wieder jemand beim Appell gefehlt. Und die Fragen hatten aufgehört.
Wo das Lager lag, wusste sie nicht. Man hatte ihr nie beigebracht, über den Zaun hinaus zu denken.
Nur, wie man den Kopf senkt.
Bis der Tag gekommen war.
Wie alle anderen um sie herum war sie ohnmächtig geworden, als der Himmel sich endgültig gesenkt hatte.
Langsam kam sie zu sich. Öffnete die Augen.
Sie lag auf dem Rücken.
Neben ihr: das Bett, das sie sich mit einer anderen Frau hatte teilen müssen.
Vorsichtig richtete sie sich auf.
Setzte einen Fuß auf den Boden.
Der kalte Lehm war noch da. Die Wände. Die Betten.
Die Frauen? Verschwunden. Einfach so. Wie die Vögel.
Sie lauschte.
Alles still. Zum ersten Mal in ihrem Leben.
Auch von draußen: keine Schreie. Keine Befehle. Keine Lautsprecher.
Nur vollkommene Ruhe.
Langsam, als müsste sie sich selbst bei der Luft entschuldigen, setzte sie einen Fuß vor den anderen.
Kein Schritt wurde kommentiert.
Kein Blick hielt sie auf.
An der Tür zögerte sie lange. Noch nie hatte sie sie selbst geöffnet.
Den stählernen Knauf drehten andere. Immer.
Als sie es schließlich wagte, war er wärmer, als sie erwartet hatte.
Er bewegte sich leicht. Keine Sperre. Kein Widerstand.
Dann lag der Appellplatz vor ihr: Menschenleer.
Die Baracken daneben: still.
Die Wachtürme: leer.
Natürlich wusste Seon-yeong, dass man nicht laut lachen durfte.
Niemand tat das. Schon gar nicht draußen, wo andere es hören konnten.
Aber hier war niemand mehr.
Sie lächelte.
Dann ging sie los.
Nicht zu schnell. Nicht zu neugierig.
Einfach nur, weil ihr Magen knurrte.
Er knurrte immer.
Seit sie denken konnte, hatte sie gelernt, ihn zu ignorieren. So wie alle hier es taten.
Hunger war kein Gefühl.
Hunger war Teil der Ordnung.
Weniger Maisbrei – bedeutete: Strafe.
Zwei Schüsseln Brei statt einer – bedeutete: jemand hatte jemanden anderen verraten.
Sie näherte sich der Küchenbaracke. Schritt für Schritt.
Der Weg dorthin war streng verboten, aber niemand hielt sie auf.
Die Tür war nur angelehnt. Kein Dampf. Keine scheppernden Töpfe und Kessel. Keine Stimmen.
Von drinnen roch es verlockend.
Sie stand einen Moment lang unschlüssig in der Tür, als könnte immer noch der bloße Eintritt eine Strafe nach sich ziehen.
Seon-yeong stand vor dem riesigen Kühlschrank.
Der, den nur Männer in Uniformen öffnen durften. Und Frauen mit Listen.
Aber es gab keine Uniformen mehr. Keine Listen. Keine anderen.
Sie legte die Hand auf den Griff.
Zögerte.
Atmete ein.
Dann zog sie die schwere Tür auf.
Kalte Luft strömte ihr entgegen.
Unzählige Gerüche. Fremd. Verlockend.
Auf den Regalen: Dinge, die sie nie zuvor gesehen hatte.
Käse in goldener Folie.
Rotes Fleisch, in Plastik verschweißt.
Eine Flasche mit dunkler Flüssigkeit, deren Aufschrift sie nicht lesen konnte.
Kirschen – rund, glänzend, tiefrot.
Wie kleine Versprechen.
Sie streckte die Hand aus. Zog sie zurück.
Die Kirschen sahen aus, als gehörten sie jemandem.
Jemand Bedeutendem.
Stattdessen ein Stück Käse.
Sie wickelte es aus der Folie. Kaute langsam.
Der erste Bissen: salzig, schwer – aber gut.
Der zweite: zu viel.
Sie spuckte ihn nicht aus. Man spuckte kein Essen aus.
Aber sie schluckte hart.
Ein Apfel.
Sie kannte Äpfel.
Einmal, vielleicht zweimal, hatte es welche gegeben –
zum Geburtstag des Großen Führers. Ein Tag mit Äpfeln. Und Liedern. Und Strafappellen.
Kühl. Süß. Laut im Mund.
Sie biss ein zweites Mal zu – diesmal ohne Zögern.
Nahm sich einen zweiten Apfel. Verschlang ihn regelrecht.
Und dann doch:
die Kirschen.
Zu verlockend.
Die erste rollte sie ehrfürchtig zwischen den Fingern.
Roch daran.
Hielt sie gegen das Licht.
Dann steckte sie eine in den Mund und biss zu.
Der Saft traf sie wie eine Erinnerung, die nicht ihr gehörte.
Der Geschmack: süß, dunkel, vollkommen.
Sie hielt den Atem an.
Der Kern war hart.
Sie ließ ihn im Mund kreisen, als könnte sie damit den Geschmack festhalten.
Dann schluckte sie ihn.
Und nahm sich die nächste.
Dann noch eine. Und noch eine.
Sie setzte sich auf den kalten Boden.
Nicht aus Müdigkeit – nur, weil sie nicht wusste, was man sonst tat, wenn man satt war.
Neben ihr lag etwas aus Metall.
Schmal. Leicht gebogen. Mit kleinen, stumpfen Zacken an einem Ende.
Sie nahm es in die Hand. Wog es. Drehte es zwischen den Fingern.
Es war schwerer, als es aussah.
Und nutzlos.
Bestimmt hatte es einen Zweck.
Aber nicht für sie. Nicht hier.
Sie legte es wieder zurück.
Mit der Vorsicht, mit der man ein fremdes Werkzeug zurücklegt, das man nicht versteht.
Dann aß sie noch eine Kirsche.
Einige Tage lang streifte sie ziellos umher.
In den ersten Nächten schlief sie in dem Bett, das sie kannte.
Später suchte sie sich andere Schlafplätze. Nur um zu spüren, dass sie es konnte.
Oder vielleicht auch, um zu prüfen, ob wirklich niemand mehr kam.
Sie hatte bisher nur ihren Teil des Lagers gekannt:
Die Baracken, zwischen denen sie sich bewegen durfte.
Den Appellplatz. Den Weg zur Feldarbeit. Das Feld selbst.
Früher hatte es auch eine Schulbaracke für sie gegeben.
Sie erinnerte sich nicht an viel – nur ans Zählen
und an Lieder, die von der Revolution und dem Großen Führer handelten.
Alles andere waren nur Gerüchte gewesen.
Von einem unüberwindbaren Zaun hatte sie gehört,
der unter Strom stand
und angeblich töten konnte.
Manchmal trat sie auf einen Zweig. Dann knackte es, und sie zuckte zusammen.
Doch niemand schrie ihren Namen.
Niemand kam, um sie zu bestrafen.
Wenn sie Hunger hatte, bediente sie sich aus den Küchenbaracken.
Nie zu hastig. Nie zu viel. Immer in der Erwartung, dass eine Stimme sie zurückrief.
Aber da war nichts. Nur Stille.
Während sie das Lager durchstreifte, erinnerte sich Seon-yeong an die Stimmen der Drosseln.
Wie sie zwischen den Baracken gezittert hatten.
Wie die Vögel sich für ein Lied auf den Dächern niedergelassen hatten –
und dann einfach davongeflogen waren.
Jetzt war nichts mehr auf den Dächern.
Aber am siebten Tag. Abends, als sie das erste Mal in der Ferne den Zaun sah,
hörte sie auch etwas.
Ein Ton – hell, flirrend.
Zart, aber bestimmt.
Seon-yeong hielt den Atem an.
Dann machte sie einen Schritt in Richtung des Zauns.
Langsam.
Unsicher.
Noch ein Ruf.
Nicht schrill.
Nicht blechern.
Kein Befehl.
Ein Lied.
Ein echtes Lied.
Sie kannte es nicht.
Es waren keine Drosseln, die da sangen.
Das Lied hatte denselben Klang wie… etwas anderes.
Etwas, das sie nicht benennen konnte.
Wie man Wärme spürte. Oder dieses seltsame Gefühl, keinen Hunger zu haben.
Sie ging weiter. Nicht schnell. Schritt für Schritt.
Das Lied war nicht immer zu hören.
Manchmal verstummte es.
Dann ertönte es wieder.
Sie blieb nicht mehr stehen bis sie das Tor erreicht hatte.
Seon-yeong hatte von dem Tor gehört.
Jetzt stand sie selbst davor.
Das Tor stand nur einen Spalt breit offen.
Gerade so weit, dass sie hindurchschlüpfen konnte.
Die Luft war anders hier. Weicher.
Und voller Geräusche, die sie nicht kannte. Voller Gerüche, die sie nicht kannte. Angenehme Gerüche.
Und keine Lautsprecher. Kein Rufen. Nur der Wind.
Und dann – Ein Vogel.
Er saß weit draußen auf einem Baumstumpf. Wohl kaum größer als ihre Hand.
Eigentlich nur ein winziger Punkt mit glühend roter Kehle.
Er sang.
Seon-yeong blieb stehen.
Das Lied war klar.
Ein einfaches, aber wunderschönes Lied.
Sie lachte leise.
Nicht laut – nur so, dass sie es selbst hörte.
Dann lief sie los.
Barfuß über das Gras.
Schneller, als sie je gelaufen war.
Sie wollte den Vogel sehen, wollte ihn ganz sehen.
Wollte wissen, wohin er fliegen würde, wenn er sie bemerkte.
Noch ein Schritt.
Dann machte es klick.
Ein kleines, trockenes Geräusch.
Kaum lauter als das Knacken eines Zweigs.
Sie erstarrte.
Das Lied des Vogels verstummte nicht.
Er sang weiter.
Ein klarer, heller Ton über der Wiese.
Seon-yeong blickte nach unten.
Sah das Metall zwischen den Grashalmen.
Und verstand.
Sie schloss die Augen.
Atmete ein.
Zum ersten Mal roch sie die Welt, wie sie wirklich war.
Gras. Erde.
Dann bemerkte das Rubinkehlchen sie ebenfalls. Es wackelte kurz mit den Flügeln und verschwand.
Seon-yeong sah ihm nach und lächelte.