Der Concierge hob den Kopf – und sie war einfach da. Wie ein Porträt, das sich selbst gemalt hatte.
Auch die Kameras hatten nur kurz geflackert. Ein kurzes Ruckeln im Bild. Wie ein unabsichtlicher Schnittfehler in einem Film. Wie ein nicht wahrnehmbarer Riss in der Welt.
Dann saß sie da. In einem der tiefen Sessel der Hotellobby, als hätte sie schon immer dort gesessen. Schwarzes Kleid. Barfuß. Die Augen geschlossen. Ihre Hände lagen zitternd auf den edlen Lehnen.
„Sind Sie okay?“, fragte jemand mit besorgter Stimme. Ein Mann. Im Anzug. Höflich. Nervös. Sterblich. Jemand, für den sie einen Augenblick zuvor noch nicht existiert hatte.
Sie antwortete nicht. Aber sie fühlte, wie sich etwas in ihrem Körper ausbreitete. Ein Gefühl. Das vertraute Gefühl, dass irgendetwas hier fehlerhaft war. Nicht in ihr. In dieser Welt, in der sie gerade erwacht war.
Langsam öffnete sie die Augen. Nur ganz kurz flackerten Bilder in ihrem Kopf auf: Ein Thron aus Licht. Ein fallender Himmel. Kinder, die sie anflehten weiter zu gehen.
„Welches Jahr haben wir?“, fragte sie. Jedes ihrer wenigen Worte klang seltsam. Als hätten sie ein eigenes, tausendfaches uraltes Echo.
Dann sah sie den Mann an. Ihr Haar fiel in tiefschwarzen Wellen über ihre Schultern und schien das Licht zu verschlucken. Ihre Haut war blass, fast wie polierter Marmor.
Der Mann im Anzug konnte ihrem Blick nur einen Moment lang standhalten. Dann blinzelte er irritiert. Waren diese Augen nicht gerade eben noch braun gewesen? Jetzt wirkten sie tief grün.
Auch die Frage verwirrte ihn. „2025. Oktober. Das erste Jahr Trump haben wir bald überstanden“, versuchte es der Mann mit gequältem Humor.
Nimues Augen glitten durch die Lobby.
Der Name sagte ihr nichts. Er war bedeutungslos.
Fast alle Menschen starrten auf leuchtende Rechtecke in ihren Händen. Keine Blicke füreinander. Kaum Stimmen.
Nur Finger, die über Glas glitten, als tasteten sie nach Halt. „Sie beten“, dachte sie. Aber nicht zu mir.
„Wirklich alles in Ordnung, Ma’am?“ Sie nickte und fing seinen Blick wieder ein.
„Heute heiße ich Nimue.
Aber man gab mir schon so viele andere Namen.
Himmelssturz.
Der letzte Vers.
Schwarze Königin.“
Das vorletzte, was der Mann sah, war, wie sie sich aus dem Sessel erhob.
Einen winzigen Moment lang konnte er sich noch wundern – über das, was sie trug. Oder besser: nicht trug.
Das Kleid war kein Stoff. Es war Bewegung. Dunkelheit. Schatten, die an ihr hafteten wie Erinnerungen, die sich weigerten zu verblassen.
Dann sah er ihr Lächeln.
Und sie zwinkerte ihm zu.
Mit blauen Augen.
Ganz kurz nur.
Gerade als er begann, sich aufzulösen, hörte er noch einmal ihre Stimme.
„Es beginnt.“
—
Niemand sonst in der Lobby hatte die Worte gehört.
Etliche Augenpaare hatten den Mann gesehen, der sich um die Frau im Sessel gekümmert hatte.
Einen Moment nach seinem Verschwinden – hatten sie ihn vergessen.
Einige blickten der Frau noch hinterher.
Wie sie barfuß durch die eigentlich abgeschlossene Tür zum Treppenhaus ging.
Das Kleid, das sie trug, wirkte nicht wie genäht, sondern wie geträumt.
Dann vergaßen sie auch die Frau.
Die Tür zum Dach fiel leise hinter ihr ins Schloss.
Die Schwarze Königin trat hinaus in den Wind.
Manhattan lag vor ihr. Immer dieselben Linien. Immer dieselben Lichter. Geschaffen aus Glas und Gier. Wie so viele Städte zuvor.
Sie blieb stehen. Atmete ein.
Die Luft war dünner hier oben. Kälter.
Und sie schmeckte nach etwas, das längst vergangen war.
„Wieder hier.“ Kein Seufzen. Kein Bekenntnis. Keine Frage. Nur ein stiller Satz in den Himmel gesprochen. Sie lächelte. Und sah nach oben.
Der Himmel antwortete nicht. Aber er senkte sich – nicht wie etwas, das fällt, sondern wie etwas, das einem anderen Willen nachgab.
Sie ging zum Rand des Daches.
Ein Falke zog seine Kreise über der Stadt. Hoch oben, ruhig, suchend.
Dann war er fort.
Nicht weggeflogen.
Nicht abgestürzt.
Einfach verschwunden.
Als hätte ihn jemand rückgängig gemacht. Ein Detail gelöscht.
„Ihr seid immer die ersten.“ sagte sie traurig und blickte dann zu einem Taubenpärchen, das es schon nicht mehr gab.
Nimue drehte sich langsam um.
Die Dachterrasse wurde offenbar schon lange nicht mehr genutzt. Ein paar alte Liegen. Ein umgestürzter Sonnenschirm. Überall der Geruch von Staub.
Und ein einzelner verblichener Blumentopf aus Plastik. Jemand musste ihn schon vor einiger Zeit hier abgestellt und vergessen haben.
Darin: Eine Orchidee. Unwirklich schön. Die zarten Blüten schimmerten blau. Leuchteten von innen.
Nimue erinnerte sich an das, was kommen würde. Noch bevor die Orchidee zu sprechen begann.
„Da bist du ja, Schwarze Königin.“
Die Worte hatten ein eigenes Echo, das dem ihrer eigenen Stimme ähnelte. Nur viel kälter. Ganz leicht verzerrt.
Sie kannte den Klang. Schon immer. Mal hatte sie die Stimme aus einem Stein dringen gehört. Mal aus dem zitternden Kiefer einer Libelle.
„Warum bin ich hier?“
„Warum diese Welt?“
Nimues Stimme war ruhig – aber etwas in ihr vibrierte.
„Warum muss ich sie vernichten?“
Der Himmel sank ein ganz kleines Stück tiefer, als die Königin tief einatmete.
Bevor eine Antwort kam, öffneten sich die Blüten der Orchidee. Pures Licht strömte heraus und flutete die Terrasse. Eiskaltes Licht.
„Weil du das Korrektiv bist. Und weil ich es nicht kann. Ich erschaffe.
Du…“
die Stimme vollendete den Satz nicht.
Aus dem kalten Licht kamen neue und doch uralte Erinnerungen auf Nimue zu.
All die Welten, auf die sie unzählige von Himmeln hatte sinken lassen.
Weinende Könige und Kaiser. Verzweifelte Päpste. Schluchzende Präsidenten.
Vor ihr im Staub kniend. Einstmals stolz, jetzt hilflos um Gnade für ihre Welten bettelnd. Nichts verstehend.
Milliarden Schreie, die niemals vollständig verstummten.
Der Geruch von verbrannter Luft, lange nachdem die Welten selbst vergangen waren.
„Diesmal nicht.“ Sagte die Königin. Doch jede Silbe schmeckte bereits nach Asche.
Die Orchidee richtete sich auf.
Kein Wind. Kein Zucken. Nur Absicht.
Ihr blaues Licht zerbrach. Gleißendes Weiß trat an seine Stelle – kalt, formlos, wütend.
Es traf die Königin mit voller Wucht.
Sie griff nach dem Geländer. Kaltes Metall unter ihren Händen. Wirklichkeit. Oder das, was davon blieb.
Die Stimme schnitt durch das Licht.
Zornig. Glasklar.
„Du bist gekommen, um zu beenden.“
Das Licht wurde nicht heller.
Es wurde einfach – mehr.
Immer mehr.
Es umhüllte sie.
Drückte sie.
Und dann:
Trug es sie über den Rand.
Für einen Moment stand alles still.
Dann stieß es sie.
Die Schwarze Königin fiel.
Nicht wie ein Mensch fällt.
Kein Schrei. Keine zuckenden Glieder.
Sie fiel wie ein Vorhang, der sich löst.
Und sie schlug nicht auf.
Sie landete.
Sie lag in einer Gasse.
Feucht. Grau.
Es roch nach Diesel. Nach Müll.
Und nach Fett, das längst verbrannt war.
Ein Hinterausgang des Hotels.
Zwei Müllcontainer.
Kartonreste.
Regenwasser, das in einer Pfütze stand und nicht abfloss.
Ein paar Meter entfernt saß ein Mann auf einem ausgebreiteten Stück Pappe.
Er trug eine abgewetzte, alte Militärjacke und sortierte ein paar halb zerrissene Fotografien.
Daneben stand ein Pappbecher mit ein paar Münzen.
Er sang leise vor sich hin. Die Melodie zitterte in der Luft –
„There’s no living in my life anymore
The seas have gone dry and the rain stopped falling“
Seine Stimme war weich.
Und viel zu tief für das Lied.
Nimue hob langsam den Kopf.
Der Mann bemerkte die Bewegung erst nach ein paar Sekunden.
Seine Augen wurden schmal.
„Du schon wieder“, murmelte er.
Dann lachte er leise, fast wie jemand, der über sich selbst den Kopf schüttelte.
Er legte die Bilder zur Seite. Schob den Becher mit dem Fuß ein Stück nach links.
Nimue setzte sich auf.
Ihr Kleid zog schwarze Schlieren über das Pflaster, verschmolz mit den Schatten zwischen den Pfützen.
Dann vollendete sie die Strophe, die er gesungen hatte.
„Please, don’t you cry anymore (ah), can′t you see?
Listen to the breeze, whisper to me please
Don’t send me to the path of nevermore.“
Die letzte Zeile flüsterte sie nur noch.
Der Mann lächelte.
„Wer bist du?“ Ihre Stimme war leise. Ehrlich. Fast zerbrechlich.
Kein Befehl. Keine Macht. Nur eine Frage.
Gordon sah sie lange an.
Dann senkte er den Blick auf seine Hände, die auf den Knien ruhten.
Narben auf den Knöcheln.
Schmutz unter den Nägeln.
Jahre zwischen den Falten.
„Ich war da, als du den Himmel auf Babylon hast stürzen lassen“, sagte er.
Nimue sagte nichts.
„Ich war der alte Mann, der dir Wasser anbot, als du durch die glühende Wüste der sechsten Welt gingst.
Du hast es nicht genommen.“
Sie sah ihn an. Suchte in seinem Gesicht nach einem Hauch von Erinnerung.
Aber da war nichts.
„Ich war der Junge mit der flackernden Taschenlampe in der elften Welt.
Der dich gefragt hat, ob du bleibst.“
Ein Schatten ging über ihre Miene.
Vielleicht Bedauern.
Vielleicht ein Echo von etwas Tieferem.
Sie erinnerte sich an die elfte Welt.
Aber nicht an ihn.
„Ich war der General, der seine Truppen zurückzog, als er deinen Namen hörte.
Ich war der Kellner im Palast aus Glas.“
„Und ich… erinnere mich nie an dich.“
Ihre Stimme war nicht mal mehr ein Flüstern.
Er nickte nur. „Weil du es nicht darfst.“
„Und du?“
Er lächelte wieder. Nur ein Hauch von Bewegung um seine Lippen.
„Ich bin der Beweis, dass es wirklich geschieht.“
Gordon sah sie noch immer an.
Nicht fordernd. Nicht traurig. Nur da.
Wie ein stiller Fels im Strom der Zeit.
Nimue wandte den Blick ab.
Die Schatten an ihren Füßen regten sich.
Ihr Kleid begann, sich zu heben – als ob etwas darin atmete.
„Ich werde es tun“, sagte sie. „Ich muss.“
Nicht laut. Nicht leise.
Nur wahr.
Gordon nickte.
„Ich weiß.“
Sie stand auf. Die Pfützen zogen dunkle Kreise unter ihren Schritten.
Ein Riss ging durch die Luft.
Nicht zu sehen. Nur zu spüren.
„Und du wirst wieder da sein.“
Es war keine Frage.
„Ja“, sagte er.
„Aber vielleicht erkennst du mich dann.“
Sie lächelte. Ganz kurz.
Und dann war sie fort.
Nicht gegangen.
Nicht verschwunden.
Nur woanders.
Schon wieder.